Der Vajrayana-Ethos der Fünf Gelübde

Wer mit den konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition in Kontakt tritt, kann erwarten, dass ihre Lehrer(innen) die fünf Gelübde einhalten, sowie, die Konsequenzen der fünf Gelübde in Bezug auf ihre gesellschaftliche Auslebung berücksichtigen. Im Rahmen des Ethos der fünf Gelübde möchten die Linienhalter Ngak'chang Rinpoche und Khandro Déchen – und die Aro gTér-Lehrer(innen), die ihre Schülerinnen und Schüler sind – ein Beispiel für Großherzigkeit, Klarheit, Enthusiasmus, Kreativität und Raumhaftigkeit darstellen.

Das erste Gelübde (srog gÇod songwa) – Davon abzulassen, die Potentiale von Rigpa zu töten, die durch die Textur der Dualität hindurch funkeln. Dies bezieht sich nicht nur auf das Töten – sondern auf jede Art von Aggression: harsche Worte, Demütigung, Erniedrigung, Feindseligkeit, Mobbing, Unterdrückung, Schikanierung oder körperliche Gewalt. Niemand wird wegen mangelnden Wissens herabgesetzt oder wegen fehlender Erfahrung beschämt. Freundliche Absichten, Herzlichkeit und Humor sind alles, was nötig ist, um willkommen geheißen und mit Anstand, Zuvorkommenheit und Respekt behandelt zu werden.

Das zweite Gelübde (ma chinpar pongwa) – Davon abzulassen, Gelegenheiten zur Verwirklichung zu stehlen und den Gewinn für die Erlangung weniger offensichtlicher Dualitäten zu verschwenden. Dies bezieht sich nicht nur auf Diebstahl – sondern auf jede Art von unfairer oder ausbeuterischer Behandlung, insbesondere in Bezug auf Druck, über die eigenen Mittel hinaus zu spenden. Vajrayana kann niemals von einer Elite erkauft werden – und niemand wird aufgrund finanzieller Einschränkungen ausgeschlossen. Spenden an die konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition werden nicht für einen aufwendigen Lebensstil der Lehrer(innen) verschwendet. Spenden werden eingesetzt: um die Linie weiterzuentwickeln, die Verfügbarkeit der Lehren zu fördern und Mitglieder des gö kar chang lo'i dé im Osten zu unterstützen.

Das dritte Gelübde ('dod pé logpar gwempa pongwa) – In ekstatischer Umarmung mit der Khandro oder dem dPa'wo zu verweilen. Dies bezieht sich darauf, alle Formen sexuellen Fehlverhaltens zu vermeiden – einschließlich sexueller Belästigung, Chauvinismus, Sexismus und Homophobie. Promiskuität wird nicht toleriert. Die Lehrer(innen) des Aro gTér leben monogam und erwarten dasselbe von ihren Schülerinnen und Schülern. Übertragung durch sexuellen Kontakt (obwohl andernorts in Bezug auf authentische Karmamudra-Meister nicht verurteilt) steht innerhalb der konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition nicht zur Verfügung – und wird auch nie zur Verfügung stehen. Die verheirateten Lehrer(innen) leben gegenseitigen Respekt und Wertschätzung vor, wie es im Khandro dPa'wo Nyi-da Mélong Gyüd (mKha' 'gro dPa bo nyi zLa me long rGyud) gelehrt und im Buch „Entering the Heart of the Sun and Moon" erläutert wird.

Das vierte Gelübde (dzun du mra pongwa) – Niemals Zuflucht in der Lüge des dualistischen Denkens zu nehmen. Dies bezieht sich nicht nur auf Falschheit – sondern auf jede Spielart von Unaufrichtigkeit. Die Lehrer(innen) der konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition müssen stets klar erkennbar dem treu sein, was sie lehren. Falschheit erstreckt sich auf Dogmatismus, politische Voreingenommenheit, faschistoide politische Korrektheit, sowie spirituelle Korrektheit, Scheinheiligkeit, fromme Selbstüberhebung, intellektuellen Elitismus, Heuchelei, Sektierertum und Rassismus. Die Linien-Lamas erheben keinen Anspruch darauf, „Crazy-Wisdom"-Meister zu sein – und bei all ihren Eigenheiten verletzen sie niemals das allgemeine Verständnis von Anstand, Ehre, Güte und Mitgefühl.

Das fünfte Gelübde (yö-pé 'gyür wa'i tungwa) – Sich vom Rausch der Dualität zu lösen. Dies bezieht sich darauf, Alkohol mit Gewahrsein zu trinken. Dies entspricht dem, was in den meisten westlichen Ländern nach geltender medizinischer Empfehlung als „gesunder Konsum" gilt. In Bezug auf die konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition untersagt das fünfte Gelübde Tabakprodukte – und den Konsum von Freizeitdrogen. Es erstreckt sich auch auf den betäubenden Genuss von Fernsehen oder jede Art von gedankenloser Unterhaltung – insbesondere wenn diese im Hinblick auf Sexismus, Homophobie, Rassismus oder Vorurteile gegenüber Minderheitsgruppen erniedrigend oder herabwürdigend ist. Die Schülerinnen und Schüler werden stattdessen dazu angehalten, sich den Künsten, dem Handwerk und der Entwicklung körperlicher Fähigkeiten zu widmen.

Abschließend: Obwohl die konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition die zentrale und entscheidende Rolle des Vajra-Meisters im Vajrayana-Buddhismus aufrechterhalten und ehren – müssen nur diejenigen, die durch Ordination in den gö kar chang lo'i dé (gos dKar lCang lo'i sDe) formell in die Vajra-Verpflichtung eintreten, ihre Lamas als Vajra-Meister (rDo rJe sLob dPon) betrachten. Die Vajra-Verpflichtung (rDo rje dam tshig) ist ausschließlich eine individuelle Entscheidung. Sie ist eine Praxis – und stellt keinen Erwerb von Status, besonderer Behandlung oder vorbehaltener Lehren dar. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an Lehren der konföderierten Sanghas der Aro gTer-Tradition – ob Mitglieder der Öffentlichkeit, Vajrayana-Apprentices oder ordinierte gö kar chang lo-Schülerinnen und -Schüler – wird zugesichert, dass der Ethos der fünf Gelübde dauerhaft gewahrt wird, in Ehrerbietung gegenüber allen und allem, überall.

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Shi-né