Das folgende Interview erscheint in der österreichischen buddhistischen Zeitschrift „Buddhismus in Österreich“ (Ausgabe 07–09/2026). Darin spricht Ngakma Déwang Pamo über die weiße Sangha und darüber, wie sich ernsthafte buddhistische Praxis, Beruf und Familienleben zusammen gehen.
Fotos: Ida Kronika · Text: Johannes Kronika
ÖBR: Liebe Déwang Pamo, wie bist du zur Lehre Buddhas gekommen?
Déwang: Zum Glück schon in jungen Jahren. Mein Interesse am Buddhismus hat sich seit der Jugend langsam entwickelt. In den 90er-Jahren habe ich in Scheibbs im buddhistischen Zentrum Zuflucht genommen, der Matthias wird sich noch an mich erinnern. Dort bin ich dem Aro gTér begegnet, einfach weil ich zu der Zeit gerade im Zentrum war. Ich habe Matthias angerufen und gefragt, ob ich im Sommer kommen kann. Er hat mir erzählt, dass da gerade eine Gruppe auf Sommerretreat ist, ich bin hingegangen und das war es. Am Anfang war alles natürlich noch sehr neu und sehr fremd. Ich habe aber auch gemerkt, dass es mich irgendwie sehr berührt, dass ich mich da wohlfühle, dass ich diese Menschen näher kennenlernen möchte, dass diese Lehre etwas ist, was mich interessiert. Mein inhaltliches Verständnis war aber natürlich noch nicht sehr klar ausgeprägt, da waren vor allem viele Fragezeichen.
ÖBR: Kannst du dich noch erinnern, wer damals die Gruppe geleitet hat? War das ein Österreicher?
Déwang: Nein, die Lamas unserer Linie war damals vor allem in Großbritannien zu Hause, da gab es noch keine deutschsprachigen Lehrenden. Wir sind jetzt die Ersten, die auf Deutsch in der deutschsprachigen Welt lehren. Die Autorisierung zur Lehre kam auch erst ein paar Jahre nachdem wir die tantrischen Wurzelgelübde abgelegt hatten und ordiniert wurden. Nicht alle Ordinierten lehren. Dafür braucht es zuallererst die Ermutigung der Lamas und natürlich entsprechende Vorbereitung und Ausbildung. Es geht um Studium, Praxis, Retreat, Commitments, die man eingeht, und vor allem die enge Verbindung mit den eigenen Lamas, die dann eben entscheiden, wann es Zeit ist, mit der Lehre zu beginnen und selbst Schüler und Schülerinnen anzunehmen. Das war für mich am Anfang auch eine ziemliche Herausforderung. Ich weiß noch, zu dem Zeitpunkt war unsere erste Tochter ganz klein. Sie war vier Monate alt, ich habe sie im Arm gehalten, als unsere Lamas zum ersten Mal gesagt haben, es wäre gut, wenn wir zu lehren beginnen. Ich dachte, um Himmels Willen, wie soll das gehen? Und dann kam noch die zweite Tochter. Ja, so hat das begonnen.
ÖBR: Das heißt, du hast von Anbeginn an in der Aro gTér-Linie praktiziert. Hast du dir auch noch etwas anderes angesehen, Theravada, Zen?
Déwang: Ja, schon. Die Offenheit und die Freundschaft mit anderen Schulen und Linien ist sehr wichtig. Wir ermutigen auch unsere Schüler und Schülerinnen, sich andere Lehrende und Belehrungen anzuschauen. Man muss halt aufpassen, dass das nicht in großer Verwirrung endet. Weil der Buddhismus ist, wie wir wissen, in all seiner Vielfalt wunderschön, aber diese Vielfalt stellt potenziell auch eine große Herausforderung dar. Und deswegen ist es gut, wenn man Lehrende hat, die einen begleiten und einem helfen, das alles einzuordnen – die verschiedenen Fahrzeuge zu verstehen und auch zu sehen, aus welcher Perspektive die Belehrungen kommen. Und dann macht das alles auch Sinn. Wenn ich verstehe, wie ich das einordnen kann, wie das zusammenpasst, dann ist es eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich schätze den Dialog mit anderen Praktizierenden und Lehrenden sehr. Verschiedene Sichtweisen und Methoden der Praxis auf eine positive Art und Weise zu erleben, das Verständnis dafür zu entwickeln, das verdanke ich meinen Lamas. Ich finde, das ist etwas sehr Hilfreiches. Oft ist die Perspektive entscheidend, aus der man ein Phänomen betrachtet, weil sie üblicherweise unausgesprochene Annahmen mit sich bringt, und deshalb sollte man versuchen, die jeweilige Perspektive, aus der heraus etwas erklärt wird, so gut wie möglich zu verstehen. Unsere Begriffe und Kategorien bilden oft nur Teile eines breiten Spektrums ab, aus einem ganz bestimmten Blickwinkel. Und es gibt immer auch andere Zugangsweisen.
Praxis als Familienangelegenheit
ÖBR: Wie kam es zu deinem Nonnen-Namen?
Déwang: Ich bin definitiv keine Nonne, ich bin verheiratet und habe Kinder. Mein Name ist ein Vajra-Name, so wie wir ihn in der Linie erhalten, wenn wir tantrischen Gelübde nehmen, wenn wir ordiniert werden, aber nicht als Mönch oder Nonne, sondern als Ngakpa oder Ngakma (sNgags pa oder sNgags ma / Mantrin oder Mantrini). Ngakma ist die weibliche Form. Das ist ein wichtiges Thema und deswegen ist es auch gut, dass wir darüber sprechen. Der Aro gTér ist eine Linie in der sogenannten „weißen Sangha", tibetisch Gö kar chang lo'i de (Gos dKar lCang lo'i sDe). Gö kar (Gos dKar) bedeutet „weißes Gewand", Chang lo (lCang lo) „langes, ungeschnittenes Haar". De (sDe) bedeutet Versammlung. Das ist eine Linie der Praxis, die nicht auf ein Leben im Kloster ausgerichtet ist, und nicht zölibatär. Im Catuṣpariṣatsūtra werden schon vier Sanghas beschrieben, die Mönche, die Nonnen und auch die männlichen und die weiblichen nicht-monastischen Schüler und Schülerinnen. Im indischen Buddhismus gab es verwirklichte Praktizierende auch außerhalb der Klöster, wenn wir etwa an die Mahāsiddhas oder an Vimalakīrti denken. In Tibet wurde die weiße Sangha von Padmasambhava eingeführt. Es ist mir hier wichtig, klar zu sagen, dass ich sehr viel Wertschätzung und Respekt für den monastischen Weg habe. Es ist wunderbar, wenn jemand diesen Weg gehen kann. Gleichzeitig ist es auch ein wichtiges Anliegen unserer Linie, die weiße Sangha sichtbar zu machen, diesen Pfad der nicht-monastischen Praxis bekannt zu machen – und zwar im Auftrag von Düd'jom Rinpoche [Kyabjé Düd'jom Rinpoche Jigdral Yeshe Dorje (1904–1987), ein Lama von außergewöhnlicher Verwirklichung, der nach dem Exil aus Tibet der Nyingma-Tradition vorstand]. Unser Lama, der Linienhalter des Aro gTer, Ngak'chang Rinpoche, [Ngak'chang Rinpoche kam 1952 als Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter in Hannover, Deutschland, zur Welt.] wurde von Düd'jom Rinpoche zum Ngakpa ordiniert und hat von ihm die Roben bekommen. Düd'jom Rinpoche hat ihm den Auftrag gegeben oder das Versprechen abgenommen, die Linie des Gö kar chang lo'i de weiterzutragen. Auch Düd'jom Rinpoche selbst war ja kein Mönch, sondern ein Mitglied der weißen Sangha. Das überrascht die Leute immer wieder, weil manche denken, ein hoher Lama muss ein Mönch sein. Er war aber ein verheirateter Mann mit sage und schreibe elf Kindern. Meine wissenschaftliche Arbeit an der Universität Wien dreht sich im Moment um das Tagebuch von Düd'jom Rinpoche, das ich übersetzen darf – ein spannendes Projekt. Er erwähnt in seinem Tagebuch auch seine Frau und seine Kinder. Das ist offensichtlich nicht ein Teil seines Lebens, den er wegschiebt oder versteckt oder wo der Eindruck entsteht, um Himmels Willen, das lenkt ihn irgendwie von der Praxis ab. Er war hoch angesehen, einer der wichtigsten tibetischen Lamas des 20. Jahrhunderts, und hat seine Praxis mit seinem Familienleben und seiner Arbeit als Lama, Gelehrter, Autor und Herausgeber von wichtigen Textsammlungen verbunden. Diese Vereinbarkeit von Praxis, Familie und Beruf ist also nichts, was jetzt hier heute neu im Westen erfunden wurde, sondern das ist etwas, was es schon lange gibt. Es wurde nur nicht so bekannt, weil es gerade in der Nyingma-Tradition immer eher kleine Familienlinien waren, die einfach nicht so sichtbar waren. Natürlich gibt es in der Nyingma-Schule auch die großen Klöster und monastischen Linien. Und, wie gesagt, wir sind diesen Linien mit Freundschaft und Respekt verbunden. Gleichzeitig ist der nicht-monastische Weg einer, der, glaube ich, gerade hier und jetzt sehr hilfreich sein kann für uns alle. Wenn ich mit den Leuten rede, die ich bei unseren Vorträgen oder bei Retreats treffe, dann gibt es viele, die haben Beruf und Familie und deswegen das Gefühl: Ich kann niemals ernsthaft in der Praxis irgendwo hinkommen, ich schaffe das nicht. Und viele geben dann ja auch auf. Gerade Leute mit anspruchsvollen Berufen, Mütter und Väter, die sagen irgendwann, es ist mir zu viel, es geht nicht. Das kommt oft auch daher, dass teilweise ein Verständnis der Praxis oder auch konkrete Praxismethoden, die eigentlich aus dem monastischen Umfeld kommen und dort auch gut aufgehoben sind, in einem Leben außerhalb des Klosters oft nicht so ganz einfach umgesetzt werden können. Es kann helfen, einen Zugang und Methoden der Praxis zu üben, die ein Leben wie das unsere als Basis nehmen, wo es auch darum geht, den Lebensunterhalt zu verdienen und in Partnerschaft oder Familie den ganz normalen Wahnsinn zu bewältigen und dabei die Lebensfreude nicht aus den Augen zu verlieren. Es ist ein großes Anliegen unserer Lehrer und damit auch von uns, diesen Pfad der Praxis bekannt zu machen und das Versprechen an Düd'jom Rinpoche zu halten. Ich empfinde das als großes Privileg und als große Chance, dass wir sagen können: Familie, Beruf und ernsthafte Praxis, das geht zusammen. Die Kinder gehören bei uns auch dazu, sie dürfen bei den Retreats dabei sein, was die Leute oft überrascht. Was, ich darf mein Kind zum Retreat bringen? Stört das denn nicht? Wir haben selbst unsere Kinder fast immer mitgenommen, ich habe sie auf der Decke neben mir am Boden liegen gehabt als Babys. Jetzt ist das natürlich vielleicht nicht jedermanns Sache und das ist auch okay. Aber ich finde, es ist ganz wichtig, vorzuleben, dass die Praxis eine Familienangelegenheit sein kann und das ist schön.
Es geht dabei nicht nur um Kinder, sondern um ein Miteinander der Generationen. Auf unseren Retreats ist oft alles vertreten. Wir haben ältere Menschen, wir haben das mittlere Alter, wir haben Jugendliche und wir haben Kinder. Das ist für mich etwas, was ich als sehr bereichernd und sehr wichtig empfinde. Weil je mehr wir uns in der Familie mit Freundlichkeit, mit Respekt, auch mit Humor begegnen, so beginnt Harmonie und Frieden in der Welt. Ich habe mir das jetzt auch gerade letzte Woche gedacht, als wir am ESC gestanden sind. Es gab ja diesen Interfaith Pavillon beim Song Contest und ja, da geht es um Vielfalt, um ein Miteinander, über Grenzen hinweg. Aber das beginnt im Kleinen, das beginnt wirklich daheim. Es beginnt auch in der Partnerschaft, in unserer Linie spielt das eine große Rolle. Wir haben einen ganzen Belehrungskörper rund um die Praxis in der romantischen Paarbeziehung, für Alleinstehende auch mit dem Universum als Partner oder Partnerin. Wir lehren ja auch als Paar, unsere Lamas lehren als Paar, die tibetischen Lamas unserer Lamas waren als Paar sichtbar. Düd'jom Rinpoche hat manchmal zu einem Schüler gesagt: „Geh zu meiner Frau und frag sie, sie weiß es besser. Sie kann dir da besser helfen als ich." Es gibt auch andere solche Beispiele in der Geschichte des tibetischen Buddhismus, nur sind sie nicht sehr bekannt. Ich bin froh und dankbar, dass ich darüber reden darf, in der Hoffnung, dass das Praktizierende ermutigt.
Berufsleben und Lehrerpraxis in der Aro gTér-Linie vereint
ÖBR: Magst du ein bisschen mehr über die weiße Sangha erzählen?
Déwang: Darf ich ein bisschen historisch werden, einfach weil mich das Thema wirklich auch sehr interessiert? Es gibt ja oft Missverständnisse und Fehlwahrnehmungen, die darauf beruhen, dass wir natürlich Begriffe und Kategorien brauchen, um die Welt um uns herum zu verstehen. Manche Leute sagen, in Tibet gibt es ja verheiratete Mönche, wie kann das sein? Das wird als eine verzerrte, korrupte Form der Praxis gesehen. Tatsächlich gibt es aber am Weg zur vollen Mönchsordination Zwischenstufen, wo man zum Beispiel noch nicht zölibatär leben muss, das ist ein Aspekt. Der zweite ist, dass wir auch aus den Texten des Vinaya wissen, dass ein Mönchs- oder Nonnenleben nicht immer streng damit verbunden war, dass man tatsächlich Kind und Kegel, alles dauerhaft verlassen musste, wenn man in die Sangha eingetreten ist, ganz allein. Buddha Shakyamuni selbst war ja in seiner Sangha nicht von seiner Familie losgelöst. Ānanda war sein Cousin, es gab andere Cousins, da waren sein Sohn, seine Frau, seine Stiefmutter, die sind alle Mitglieder der Sangha geworden. Er hatte also seine Familie dann wieder um sich. Wenn man die Texte des Vinaya wirklich studiert, und es gibt zum Glück Kollegen, die sich da wirklich sehr gut auskennen, dann sieht man, dass manchmal Partner gemeinsam oder ein Elternteil gemeinsam mit einem Kind eingetreten sind. Das sind Passagen, die man normalerweise nicht liest, die man übersieht, weil wir natürlich einen eher selektiven Blick auf diese ganzen Texte geworfen haben. Aber offensichtlich war auch dieses „Nach-vorne-Gehen", die Zuflucht, der Eintritt in die Sangha, etwas, was durchaus mit einem Leben in einem gewissen Familienbund vereinbar war. Es gibt auch einzelne Schriftstücke, die zeigen, dass manche Mönche und Nonnen weiterhin Besitz hatten, den sie verwalten mussten. Sie haben Felder bestellt, sich um ihre Herden gekümmert, sie hatten durchaus auch eine Art Berufsleben oder wirtschaftliche Themen, um die sie sich kümmern mussten. Auch das Leben im Kloster musste ja organisiert werden. Manche haben auch zu Hause gelebt und nicht durchgehend im Kloster. Und es gibt ja bis heute auch Mönche und Nonnen, die in der Welt stehen und sich aktiv engagieren. Wir denken oft, es gibt nur dieses eine buddhistische Ideal, und das ist das klösterliche Leben, ein bisschen geprägt von der benediktinischen Idee, mit unserem kulturellen und religiösen Hintergrund im Kopf. Aber wenn man genauer hinschaut, dann ergibt sich ein sehr viel bunteres Bild der verschiedenen Formen ernsthafter buddhistischer Praxis, ein sehr viel offeneres Bild, auch im Hinblick auf die verschiedenen Lebensumstände der Mitglieder einer Sangha. Und ich denke wirklich auch, dass der Buddhismus oft familienfreundlicher war und ist, als wir das vielleicht denken. Das ist etwas Schönes. Ich lese diese Dinge, ich studiere das und ich denke mir immer: Hey, es gibt da noch viel zu entdecken! Es gibt auch viel, was wir noch nicht verstehen. Die Wirklichkeit ist immer komplexer als unsere Kategorien. Wir brauchen Kategorien, um uns in der Welt zu orientieren, aber die Wirklichkeit füllt mühelos auch die Zwischenräume. Ich denke, es ist gut, sich das bewusst zu machen. Deshalb ist es wichtig, neben der Praxis auch das Studium nicht zu vernachlässigen. Hier in Österreich haben wir das große Glück, dass man in Wien an der Universität Tibetologie und Buddhismuskunde studieren kann. Wenn man die Sprachen lernt, kann man Texte im Original lesen und sich selbst eine Meinung bilden. Das ist unglaublich wertvoll.
Mit unseren Gefühlen, mit unserer Wahrnehmung, mit unserer Erfahrung in der Welt praktizieren
ÖBR: Du hast ja schon eine Frage beantwortet, die ich dir stellen wollte, wie man Beruf und Lehrerpraxis vereint. Und das scheint ja in der Aro gTér-Linie sehr gut möglich zu sein. Du leitest Retreats, du gibst Einführungskurse, du forschst an der Universität und du bist eine Dharma-Lehrerin mit deinem Mann. Was sind aus deiner Sicht häufige Irrtümer, denen sich Praktizierende des Dharmas gegenübersehen, am Anfang?
Déwang: Einen großen Irrtum habe ich ja schon angesprochen. Dieses Gefühl, es ist immer nur second best, wenn ich es nicht schaffe, den klösterlichen Weg einzuschlagen, dann bin ich eigentlich schon gescheitert, bevor ich anfange. Mir liegt sehr daran, die Leute zu ermutigen und zu sagen, es gibt auch einen Weg der ernsthaften Praxis jenseits des Klosters. Und man kann sich umschauen, wir sind da nicht die Einzigen. Es gibt genug Möglichkeiten, sich schlau zu machen, sich ein Herz zu fassen und zu sagen, ich möchte praktizieren und ich versuche einfach, jetzt hier einen Weg für mich zu finden.
Ein anderer weit verbreiteter Irrtum ist, dass viele glauben, der Buddhismus ist weltabgewandt, wenig lebensbejahend, gefühllos, auch das habe ich schon angesprochen. Es gibt dieses Missverständnis, man sollte keine Gefühle haben, man sollte sich von seinen Gefühlen abschneiden. Unsere Sicht, und diese Sicht wurzelt im tantrischen Buddhismus und im Dzogchen, ist, dass Gefühle nicht nur erlaubt und wichtig sind, sondern dass sie auch eine Methode der Praxis eröffnen. Indem wir mit unseren Gefühlen, mit unserer Wahrnehmung, mit unserer Erfahrung in der Welt praktizieren, können wir in dieser Erfahrung, durch diese Erfahrung auch den natürlichen Zustand unseres Geistes realisieren. Insofern spielen zum Beispiel bei uns auch Kunst und Kreativität eine große Rolle. Es geht darum, mit offenen Sinnen durch die Welt zu gehen und sich nicht nur zurückzuziehen. Die Zurückziehung, Gruppen- oder auch Einzelretreats, das ist natürlich etwas sehr Wertvolles und auch in unserer Linie ist das ein wesentlicher Teil der Praxis. Ich möchte einfach nur betonen, es gibt ergänzend auch einen der Welt zugewandten Aspekt. Und diese beiden schließen einander nicht aus. Der Buddhismus ist eine Religion der Methode und der Vielfalt der Methoden. Er ist nicht einfach nur eine Religion der einen Wahrheit, die man nur auf eine einzige, bestimmte Art und Weise erlangen kann. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und ich sehe, wie die Leute aufblühen, wenn sie sich wirklich auf den Weg machen. Körperübungen, Tänze und Gesang sind ein wichtiger Teil der Praxis. Wir ermutigen unsere Schüler und Schülerinnen auch, sich Kunst und Kunsthandwerk zuzuwenden. Manche Leute beginnen zu malen, mit Holz oder mit Leder zu arbeiten. Einer unserer Schüler baut Trommeln. Viele beginnen zu nähen, weil man unsere Roben, unsere ganzen Praxisausrüstungsgegenstände natürlich nicht einfach irgendwo kauft. Die werden selber genäht. Ein anderer Vajra-Bruder zum Beispiel hat mir diese Ledertasche gemacht. Es gibt also Menschen, die arbeiten mit diesen Materialien und entdecken dadurch auch, dass es viele Wege gibt, die Welt auf eine befreite und wache Art und Weise zu erfahren – durch Kunst und Kunsthandwerk, durch diese Integration der Sinne, der Sinnesfelder in die Praxis. Und wirklich, das führt zum Erwachen, das führt zu mehr Lebensfreude. Das ist, glaube ich, etwas, was wir wahnsinnig brauchen. Und da kommen wir zum nächsten Missverständnis: Der Buddhismus ist ernst und freudlos. Der Buddhismus wird nicht unbedingt mit den positiven Seiten des Lebens assoziiert. In unserer Linie wird aber zum Beispiel auch Gatön (dga' ston) praktiziert. Das ist eine Praxis des gemeinsamen Festes. Da wird gesungen, getanzt, ein Gedicht vorgetragen, viel gelacht. Es ist ein freudiges Miteinander, auch mit einem Festessen. Und das sind Aspekte der Praxis, die uns, glaube ich, gerade hier und heute sehr, sehr guttun. Uns auch zu erlauben, dass wir uns freuen, dass wir unser Glück feiern, ein religiöses Zuhause zu haben, praktizieren zu können, jenseits von diesem „Ich-bin-nicht-gut-genug". Wir kennen das glaube ich alle. Man vergleicht sich ständig. Alle anderen sind glücklich, nur ich nicht. Alle anderen haben den perfekten Körper oder das perfekte Leben. Nur ich nicht. Was mache ich falsch? Wir praktizieren, so wie wir sind, und das gibt unserem Leben Sinn. Václav Havel hat einmal sinngemäß geschrieben, Hoffnung ist nicht einfach nur Optimismus, der sagt, alles wird gut. Hoffnung ist die Überzeugung, dass das, was ich jetzt mache und wie ich bin, sinnvoll ist, sinnstiftend ist, egal wie es ausgeht. Im Vajrayana geht es immer um das Wohl aller Wesen, zu dem wir beitragen wollen. Das inkludiert uns selbst. Die Praxis an sich macht unser Leben sinnvoll und lebendig. Und das darf ich feiern, darüber darf ich mich auch freuen und diese Freude ausstrahlen.
ÖBR: Sehr schön. Jetzt wollte ich noch fragen, bist du schon wunschlos oder gibt es noch Wünsche in deinem Leben?
Déwang: Ich habe ganz viele Wünsche. Es ist mir ein echtes Anliegen, das, wofür wir stehen, auch an die nächste Generation weiterzutragen. Ich bin mittlerweile an einem Punkt im Leben, wo ich mir denke, wir stehen noch in voller Kraft, aber es ist auch wichtig, ein Rüstzeug weiterzugeben, damit die, die nach uns kommen, der Welt mit Mut und einem Lächeln in die Augen schauen können. Wir dürfen uns nicht von der Angst vor der Welt lähmen lassen. Es gibt viele Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Unter den Kollegen und Kolleginnen, im Freundeskreis, Bekannte, Nachbarn, da gibt es genug zu tun. Auch die eigene Gesundheit ist ein wertvolles Gut, damit wir die Kraft haben, andere zu unterstützen. Ich wünsche uns allen positive Inspiration und gute Vorbilder, Lehrende, die Vertrauen und Orientierung geben.
ÖBR: Abschließend möchte ich noch fragen, ob ich dir eine Frage nicht gestellt habe, die du aber gerne beantworten möchtest.
Déwang: Was hast du mich nicht gefragt, worüber ich gerne sprechen möchte? Ich denke, das Wichtigste ist: Das Leben rund um die formale Praxis hält uns nicht von der Praxis ab, es ist vielmehr eine wesentliche Dimension der Praxis. Wir sehen den Alltag mit all seinen Herausforderungen als wertvollen Nährboden. Hier finden wir Gelegenheiten zur Praxis und gleichzeitig das Umfeld, in dem die Frucht der Praxis wirksam und sichtbar wird. Es geht nicht primär um spektakuläre Erfahrungen im Retreat, sondern auch um die vielen kleinen Momente im Alltag, wenn das Gewahrsein durchfunkelt. Ich praktiziere, wenn ich in der Arbeit in einer Besprechung sitze, wenn ich zu Hause das Geschirr abwasche, wenn ich mich um meine pflegebedürftigen Eltern kümmere. Das Ziel ist nicht, der Welt zu entfliehen, sondern mit offenen Sinnen in der Welt wach und möglichst hilfreich zu sein, auf Basis von Einsicht und mit aktivem Mitgefühl.
Wer mehr darüber hören möchte, der kann unsere Lamas und Linienhalter, Ngak'chang Rinpoche und Khandro Déchen, im nächsten Januar auch wieder in Wien erleben. Das dauert noch eine Weile, aber wir lehren ja auch regelmäßig persönlich und online, und es wird im Oktober einen Retreat in Wien in der Biberstraße geben. Wir werden über den Pfad der weißen Sangha sprechen und eine Einführung geben in die Sicht des Khandro-Pawo Nyida Mélong Gyüd (mKha' 'gro dPa bo nyi zLa me long rGyud), übersetzt: „Eintreten in das Herz von Sonne und Mond", die Praxis der romantischen Liebe.
ÖBR: Also ich kenne mich gut aus jetzt.
Déwang: Du hast das Gefühl, du weißt jetzt alles?
ÖBR: Das Gefühl habe ich öfters.
Déwang: Und du hast nicht auch das Gefühl, dass dich dieses Gefühl möglicherweise täuscht?
ÖBR: Richtig, es täuscht mich oft.
Déwang: Was soll ich dazu sagen? Vielleicht habe ich zu viel geredet. Wenn man mich lässt, rede ich stundenlang und mit Begeisterung. [lachen]
ÖBR: Vielen Dank für das Gespräch.